Der Herbst ist für mich eine besondere Jahreszeit – und das nicht nur, weil ich im Herbst Geburtstag habe. Ich mag seine Melancholie. Das Leben verlangsamt sich unmerklich, und wir spüren die Veränderungen um uns herum. Die Natur lässt ihre Blätter los – in stiller, bunter Pracht. Das Laub knistert unter den Füssen, die kühle Luft tut uns gut. Es ist eine Zeit des Übergangs und des Loslassens.

Die Natur lebt uns diesen Wandel jedes Jahr vor: Werden, Vergehen und neues Leben. Wenn wir den Gedanken ernst nehmen, dass Gott in der Schöpfung etwas von sich selbst und seiner schöpferischen Kraft zum Ausdruck bringt, können wir nur staunen.

Es überrascht daher nicht, dass Menschen zu allen Zeiten glaubten, in der Natur Gottheiten zu erkennen. Auch heute begegnet uns diese Neigung noch, etwa in verschiedenen spirituellen Strömungen. Die Botschaft von einem Schöpfergott, der die Wirklichkeit durch sein Wort aus dem Nichts ins Sein gerufen hat, ist dagegen in gewisser Weise kontraintuitiv.

Als Christinnen und Christen unterscheiden wir zwischen der Schöpfung und dem Schöpfer. Dennoch sind beide miteinander verbunden – so wie ein Künstler mit seinem Kunstwerk verbunden ist. Indem wir die Schöpfung aufmerksam und meditierend betrachten, können wir etwas von ihrem Schöpfer erkennen. Dafür braucht es den offenen Blick eines staunenden Kindes. Denn vieles ist uns im Alltag allzu selbstverständlich geworden. Als Beispiel können wir uns ein Mal vorstellen, dass der Sternenhimmel ein Phänomen wäre, dass nur alle Hundert Jahre zu sehen ist. Was würde dies in uns auslösen?

Der Herbst erinnert uns an die Vergänglichkeit der Dinge – und zugleich an Gottes Verheissung, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Umso erstaunlicher ist es, dass wir in der Begegnung mit Jesus von Nazareth Gott selbst begegnen dürfen. Gott beugt sich zu uns herab, tritt in seine Schöpfung ein und kommt uns so nahe, wie es nur möglich ist.

In Brot und Wein, den «Früchten der Erde und der menschlichen Arbeit», verdichten sich das Physische und das Metaphysische, Himmel und Erde an einem Ort. Davor können wir nur staunend und mit einem leisen Schaudern stehen.

Der Herbst lädt uns ein, nach innen zu schauen, unser vor den Augen der Welt verborgenes Innenleben mit Gott zu teilen und Christus auf seinem Weg durch Tod und Auferstehung zu folgen.

Joža Tadić